Interview

Niemi ist gelandet

Die mündliche Erzähltradition, das ist Mikael Niemis Zuhause.

Ein Interview von Per Andersson mit Mikael Niemi

Mikael Niemi hatte im Jahre 2000 mit seinem ersten Roman Populärmusik aus Vittula einen Riesenerfolg. 800 000 verkaufte Exemplare, übersetzt in 26 Sprachen, belohnt mit dem August-Preis, in mehreren Versionen als Theaterstück inszeniert, verfilmt. Alles, wovon ein Autor nur träumen kann.

Nachdem er sich so kraftvoll als ein zeitgenössischer Erzähler aus Tornedalen etabliert hat, kommt Mikael Niemi vier Jahre später mit einer Sammlung von Erzählungen aus dem Weltall zurück. Sein neues Buch heißt Das Loch in der Schwarte, nach einer vielbesuchten Kneipe auf dem Asteroiden Nugget, wo sich alle Lebensformen des Universums am Bartresen drängeln und an ihren Lieblingsdrogen berauschen.

Per Andersson: Aus Vittula daheim in Pajala hinaus ins Weltall – wie bist du da gelandet?

Mikael Niemi: Nach dem Augustpreis habe ich ein Jahr mit Vorträgen, Reisen, Interviews und Auslandsbesuchen verbracht. In diesem Jahr habe ich nichts geschrieben. Anschließend habe ich wieder angefangen zu arbeiten. Ich habe einen Roman über Tornedalen geschrieben. 200 Seiten sind es geworden. Aber es war so schlecht, dass ich gezwungen war, alles wegzuschmeißen. Niemand hat das Ganze lesen dürfen.

Inwiefern war es schlecht?

Es war zu anspruchsvoll. Ich glaube, ich habe versucht, zu tüchtig zu sein. Irgendwie liegt das an dem August-Preis-Rucksack, den man aufgeschnallt bekommt, man muss beweisen, dass man ihn verdient hat. Dass es kein Zufall war. Und dann kommt die Anspannung. Das ist wie beim Sport: Wenn die Olympischen Spiele anstehen, dann zeigt es sich. Einige kommen mit dem Druck klar, aber schau dir beispielsweise Patrik Kristiansson an: Er ist in Topform, er ist gut trainiert, ohne Verletzungen, und trotzdem patzt er. Ungefähr so habe ich mich auch gefühlt.

Und ich war absolut verzweifelt. Wenn man 200 Seiten geschrieben hat und einsehen muss, dass es nichts taugt, dann kommt die Frustration. Und aus der Frustration entstand Das Loch in der Schwarte. Ich habe mich einfach dazu entschlossen, etwas nur für mich zu schreiben, statt besonders tüchtig sein zu wollen.

Das fing wie eine Art Schreiben in Erwartung auf das richtige Schreiben an. Nur um den Stift in Bewegung zu halten. Und das ist eine verdammt gute Methode. Nicht daran zu denken, dass es etwas werden soll, sondern einfach nur zu schreiben, was mir Spaß macht und mich interessiert. Das wurde immer mehr, und plötzlich merkte ich, dass ich eine Wasserader getroffen hatte. Es schoss nur so heraus, und das kleine Loch wurde immer größer. Es war das reine Vergnügen, zusammen mit meinem Verleger Lars Erik Sundberg das Buch aus dem umfangreichen Material heraus zusammenzustellen.

Genau wie Populärmusik aus Vittula ist Das Loch in der Schwarte ja auch sehr lustig. Ich musste die ganze Zeit vor mich hinkichern, als ich es gelesen habe.

Ja, ich auch. Es war eines Nachts im letzten Sommer. Ich kam nach einem Kneipenbesuch nach Hause und konnte nicht schlafen, und da habe ich mich draußen auf den Balkon gesetzt, über den Torne älv geschaut und mein Manuskript im Licht der Mittsommernachtssonne gelesen, und ich habe versucht, es wie ein Leser zu lesen. Ich habe eine Flasche Preiselbeerwein entkorkt, den ich selbst gemacht hatte, schenkte mir immer wieder nach und habe wie verrückt gelacht. Es ist unglaublich witzig, besoffen mit Blick auf den Torne älv dazusitzen, sein eigenes Buch zu lesen und zu denken: Das Buch würde mir gefallen - sogar wenn ich es nicht selbst geschrieben hätte.

Das Buch, das du weggeworfen hast, das klingt nicht wie ein witziges Buch.

Nein, das war es auch nicht.

Dass es ein lustiges Leseerlebnis sein soll, ist das ein Ziel, das du bewusst vor Augen hast? Oder ergibt sich das einfach, wenn du in Form und nicht angespannt bist?

Das ergibt sich. Ich habe wirklich nicht vorgehabt, ein lustiges Buch zu schreiben, gerade weil "Vittula" als lustig angesehen wurde. Das war ja auch gleichzeitig eine Erwartung. Ich hatte das Gefühl, von zwei Seiten Erwartungen erfüllen zu müssen. Zum einen aus der bürgerlichen Kulturecke, dass man gut sein soll. Und außerdem war da der Druck von Leserseite her, dass man lustig sein sollte. Und das kann genauso gefährlich sein. Deshalb hatte ich überhaupt nicht im Kopf, dass das, was dann später "Das Loch in der Schwarte" wurde, cool sein sollte. Ich bin eher von der Anarchie ausgegangen, einem anarchistischen Punkgefühl, diesem Stil der Veganerbewegung, so etwas in der Art. Podien herunterzureißen, Schmutziges über die Buchseiten zu verstreuen. Sozusagen die Energie kommen zu lassen. Man kann wohl sagen, dass das ein Schlüsselwort ist: Energie.

Ich stamme aus einer mündlichen Erzähltradition. Ich habe natürlich auch gelesen und bin von Büchern inspiriert worden, aber die mündlichen Erzählungen, die machen für mich den Hauptzugang zur Literatur aus. Als ich Vittula geschrieben habe, da geschah das in einer Art mündlicher Anrede. Und das habe ich bei Das Loch in der Schwarte wieder gemerkt, das war wohl diese Wasserader, auf die ich gestoßen bin: das Mündliche. Auch wenn ich schreibe, habe ich das Gefühl, als würde ich reden.

Das Loch in der Schwarte ist keine Sammlung von Erzählungen im üblichen Sinne, eher ein Bündel von Berichten, das Repertoire eines Berichterstatters.

Ganz genau, als säße man in einer Roaderkneipe irgendwo im Universum und warte auf seinen nächsten Job, und dann gibt man ein paar Geschichten von seinen Weltraumreisen zum Besten. Man trinkt ein schales Bier unter flackernden Leuchtstoffröhren, und aus einer Art Tristesse heraus nehmen die Geschichten Gestalt an.

Das mündliche Erzählen schafft dem Schreiben einen eigenen Rahmen. Es wird zu einer speziellen Werkzeugkiste, die man benutzt, und einem Ton, der das Schreiben prägt.

Du musst ein Publikum einfangen. Sonst fängt es an zu gähnen, von etwas anderem zu reden oder dich zu unterbrechen. Es gibt also ein Element von Kampf und Streit im mündlichen Erzählen. Wenn du an einem Kaffeetisch ein schlechter Erzähler bist, dann wirst du von einem anderen Erzähler unterbrochen. Da ist Energie nötig. Du musst um deinen Platz kämpfen. Man kann kein Minimalist werden, wenn man vom mündlichen Erzählen her kommt. Und es ist eine Ich-zentrierte Form, es gibt sowohl in Populärmusik wie auch in Das Loch in der Schwarte einen starken Absender: einen Erzähler.

Zuerst muss der Erzähler die Ohren des Zuhörers/Lesers für sich gewinnen. Dann gibt es eine Anzahl von Erzählertricks, die man immer benutzt. Und Humor ist einer der wichtigsten Tricks. Humor ist der Königsweg zum menschlichen Herzen. Mit Humor fesselt man Zuhörer. Vielleicht kommt ja gleich wieder etwas Witziges, man kann es noch nicht wissen, also hört man lieber aufmerksam zu. Das erhöht die Konzentration. Humor ist ganz und gar nicht nur eine Art, es lustiger zu machen. Es gibt eine Schwere im Humor, die sehr gut ist.

Ich gehöre einem ziemlich vereinzelten Zweig des schwedischen Schriftstellerlebens an. Es ist ein alter, archaischer Zweig, der seinen Ursprung in der alten mündlichen Erzählung hat, als man noch Märchen und so etwas in den Stuben erzählte. Einige wichtige Seitentriebe davon sind ja unsere großen Epiker: Vilhelm Moberg, Selma Lagerlöf, Jan Fridegård, Ivar Lo. Wenn man die liest, merkt man, dass es sich um mündliche Erzähler handelt, das sind Leute, die reden können.

In dieser Tradition stehe ich. Und weil Pajala so weit vom literarischen Zentrum entfernt liegt, haben wir sie hier gewissermaßen konserviert. In Schweden hat meine Art zu schreiben einen geringen Status gehabt. Und in den Augen gewisser Leute hat sie es sicher heute noch. Das muss einem als Autor vollkommen gleichgültig sein. Ich stamme aus Tornedal, einem finnischsprachigen Gebiet in Schweden, umgeben von großen Wäldern und Mooren. Ich kann nicht postmodernistisch werden, selbst wenn ich es wollte. Die Leute würden sofort merken, dass ich mich wie ein Affe im Käfig verhielte, der seine Kunststücke zeigt. Das ist nicht mein Metier.

Jimi Hendrix kommt in Das Loch in der Schwarte vor, und er war bereits in Populärmusik aus Vittula als ein Stilvorbild dabei. Was hast du für eine Beziehung zu ihm?

Hendrix ist einer meiner Hausgötter. Ich stelle ihn an erste Stelle, sogar noch vor Dylan. Er war ein Zauberer. Bei Hendrix gibt es diese ungezähmte Energie - genau: Energie! Und außerdem hatte er diese kleine politische Verrücktheit. Er spielte die amerikanische Nationalhymne in Woodstock, und diese kleine Episode, ein paar Minuten jammerndes Gitarrenspiel, war stärker als jede wortreiche Tirade von Lennon.

Als er in Das Loch in der Schwarte auftaucht, ist er "in den 50ern, reifer und ekstatischer". Ich denke, dass man wirklich seine Energie behalten und sie entwickeln kann. Als ich 20 war, schrieb ich Lieder für unsere schlechte Rockband und pubertäre Gedichte, jetzt bin ich 45 und spüre wirklich viel mehr Energie in dem, was ich tue.

Per Andersson

Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt
Mit freundlicher Genehmigung des Norstedts Förlag