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Ponoristen
Abenteurer wird es immer geben. Einzelne, versprengte Existenzen, die sich nicht anpassen können. Die ständig unterwegs sind, nie zur Ruhe kommen, die meistens schon einen Fuß angehoben haben. Wenn sie einen Berg sehen, müssen sie klettern, sehen sie einen Abgrund, müssen sie hinuntertauchen, fängt es an zu stürmen, stellen sie sich mit dem Gesicht in den Wind. Sie spüren ein ewiges Jucken. Ab und zu gelingt ihnen das Unmögliche, die Sonne wärmt ihnen plötzlich das Gesicht. Dann fühlen sie sich augenblicklich leer und erschöpft, verzweifelt vor lauter Überdruss. Sie möchten jemanden lieben, doch das Glück ödet sie an. Leben, das muss wehtun. Die Haut muss sich an Kletterseilen und Satteln scheuern. Die Haarmähne muss nach hinten geblasen werden. Die Welt ist zu klein, ständig schrumpft sie, jeder Job und jede Verpflichtung verwandelt sich sofort in eine Uniform, deren Falten und Nähte jucken.
Es ist diese Sorte Mensch, die es einst wagte, sich dem Feuer zu nähern, die anfing, größere Tiere als sich selbst zu jagen, die jede Wüste, jede Gebirgskette und jeden Ozean als eine Herausforderung ansah. Als Kitzel, dem nicht zu widerstehen war.
Als das Weltall sich öffnete, schien es, als wartete es nur auf diese Abenteurer. Anfangs schob ihnen zwar die Technik noch einen Riegel vor. Und die Kosten. Ein Raumfahrzeug war teuer wie ein Wolkenkratzer, und die Astronauten, das waren disziplinierte, ausgesuchte, hart gedrillte Marinecorpstypen.
Doch dann begann der Bergbau. Mond und Mars und mehrere der Asteroiden wurden erschlossen, und die Überlandfrachter begannen zu pendeln. Der Beruf des Roaders wurde geboren. Und mit der Zeit, analog zu der Entwicklung der Technik und je mehr immer modernere Schiffe und Shuttle in Betrieb genommen wurden, entstand ein wachsender Gebrauchtwarenmarkt für Raumfahrtkram. Plötzlich wurde es für die Allgemeinheit möglich, sich ein Raumschiff zu kaufen. Meistens ein abgenutztes, klapprig und leckend, aber wer geschickt war, konnte das meiste reparieren. Und jetzt füllten sich die Raumschiffdocks mit sehnigen, am ganzen Körper tätowierten Jünglingen, hinkenden Kerlen mit Hemingwaybart, mageren Mädchen mit Pistolenhalfter und Injektionsnarben, stummen Frauenzimmern mit rasierten Schädeln und wegoperierten Brüsten. Alle fummelten an ihrer eigenen Karre herum. Sie lagen auf dem Rücken und schweißten in einem absolut unbequemen Winkel, standen mit einer Lupe im Auge über Heerscharen von Spinnennetzelektronik gebeugt, sie fluchten und zerrten an irgendwelchen Hitzeschilden, die sich festgebrannt hatten und ausgetauscht werden mussten, sie installierten tragbare Gewächshäuser, Trockenduschkabinen, Gravitationskreisel, Videogeräte mit Pornofilmen, Sonnenwindfänger, Chirurgenausstattung für die Eigenoperation mit dazugehörigem Lehrbuch, Feuchtabsorbierer, die Schweiß und Körperflüssigkeiten in Trinkwasser umwandelten, und anderes Unentbehrliches für eine lange Reise.
Dann machten sie sich auf den Weg. Allein. Schweigend, fast im Geheimen ausweichend. Manchmal merkte man nicht einmal, dass es los ging, plötzlich waren sie einfach weg. Verschluckt vom Weltall. Ab und zu hörte man von ihnen. Viele Monate später wurde vielleicht eine rasselnde, verzweifelte Mitteilung vom Notsender aufgefangen:
"Hilfe, Hil... Generator kaputt... irre umh ... Wasser bald zu En ... helft mir, Hilfe, Hil..."
Die Erde schickte ein Funksignal zu der Notstelle irgendwo im Sonnensystem und rechnete die Retourkoordinaten aus, damit der Betreffende zurückkehren konnte. Aber er ließ nie wieder von sich hören. Die Reserveenergie ging zu Ende. Armer Teufel.
Anfangs waren die Risiken ungemein groß. Wir Roader schüttelten nur den Kopf, wenn wir an ihren schlecht erleuchteten Schrotthaufen im Dunkel des Alls vorbeisegelten, vernarbt vom Weltraumkies und verbrannt von kosmischer Strahlung. In den Führerkabinen konnten wir irgendwelche halb dahindösende Gestalten erkennen, die Füße in den Cowboystiefeln auf dem Armaturenbrett, die Kopfhörer voll mit Bob Dylan, das Gesicht glänzend vom alten Körperfett. Wir hatten unseren eigenen Spitznamen für sie, nannten sie die Pissetrinker. Ihre Entsalzungsmaschinen waren von der billigen Sorte, und das Wasser, das immer von Neuem aus den Feuchtigkeitsabsorbern wiedergewonnen wurde, bekam bereits nach wenigen Wochen einen deutlichen Beigeschmack nach Urin. Das ganze Raumschiff verwandelte sich mit der Zeit mehr und mehr in eine qualmende Sardinenbüchse. Tatsache war, dass der Gestank in einem Raumschiff, das ein paar Jahre herumdüst, so entsetzlich ist, dass jedem, der sich ihm von außen nähert, übel wird. Die Besatzung selbst wird eins mit dem Geruch. Sie gewöhnt sich dran.
In den ersten Jahren dieser Epoche gelang es nur wenigen zurückzukehren, ihre Karre wieder auf Mutter Erde zu stellen und herauszukrabbeln, schwindlig und mit zitternden Beinen. Ihr infernalischer Gestank führte dazu, dass man bald eine spezielle Baracke neben dem Haupthangar für sie einrichtete, mit Dusche und Desinfektion, wo sie sich den schlimmsten sauren Talg abschrubben konnten. Doch die allermeisten Abenteurer blieben verschwunden. Vermutlich starben sie. Ihre alten Kisten leckten und waren unzureichend ausgestattet, und sie selbst waren nur schlecht auf die Tristesse und Isolation vorbereitet. Die meisten fuhren in den sicheren Tod. Wahrscheinlich rechnete eine ganze Reihe von ihnen sogar damit. Entschlossen stellten sie den Navigator ab, sobald sie das Sonnensystem verließen, davon überzeugt, nie wieder zurückzukehren. Andere hatte sorgfältig ausgerechnet, wie sie nach einer zehnmonatigen Alleinfahrt zurückkehren wollten, erlitten dann aber dort, wo es keine Hilfe gab, Schiffbruch. Vergessen, ausradiert. Verwandelten sich in herumtreibenden Weltraumschrott.
Mit der Zeit besserten sich die Zustände. Die gebrauchten Fahrzeuge waren von immer besserer Qualität, die Ausrüstung ebenso, und vor allem lernte man aus den Erfahrungen. Mehrere der Alleinsegler, denen es gelungen war, wieder zur Erde zurückzukommen, gaben Reiseberichte heraus mit Titeln wie: Hallo Kosmos! - Unter Asteroiden und Vakuumpilzen - Eine Blase im Glas des Alls - oder, ein richtiger Bestseller: Ich schaute bei Gott vorbei, doch es war niemand zu Hause, von Ruben Stanislawski. Letzteres eine Mischung aus zarter Weltraumpoesie, Reparaturhandbuch, Midlifecrisis und nicht zuletzt einer Schilderung der Psychose, von der Stanislawski in seiner Isolation überfallen wurde. Das Kapitel darüber, wie er wochenlang alle Nieten des Schiffs zählt und es anschließend mit einem Kunstledersofa treibt, ist bereits ein literarischer Klassiker.
Dinge gehen kaputt. Diese Erfahrung war allen Reisenden gemein. Aber im Unterschied zur Erde konnte man nicht einfach in den nächsten Laden gehen und sich eine neue Lötlampe kaufen. Jeder lockere Kontakt, jede kleine Korrosion können schicksalsentscheidend sein. Eine Luftschleuse, die nur ein klein wenig leckt, kann in einem halben Jahr das gesamte Schiff leeren. Ein einziger Kreis, der zusammenbricht, und die komplette Navigationsausrüstung wird unbrauchbar. Man musste also ein Reservesystem haben. Das war das A und O. Reserveteile und Reparaturwerkzeug. Funktionierte die Wasserklärung nicht, starb man. So einfach war das. Ohne Gewächshaus gab es keine Fotosynthese, und ohne Fotosynthese gab es keinen Sauerstoff. Das haben diverse Geisterschiffe dort draußen erfahren müssen.
Ruben Stanislawski wurde von verschiedenen Katastrophen ereilt, doch es gelang ihm, die meisten abzuwenden. Lebensgefährlich wurde es, als ein Raumbrocken einen Riss in die Kabinenwand schlug und die Luft mit einem Zischen austrat. Rüben warf sich seinen Raumanzug über und aalte sich hinaus in die Schwerelosigkeit, mitten hinein in den funkelnden Sternenhimmel, nur mit Sauerstoff für sieben Minuten versehen. Wie ein Marienkäfer auf einem Grashalm kroch er die Stagleine entlang zu den Sonnenpanelen. Plötzlich kippte das Schiff zur Seite, und er verlor den Halt. Mit einem Mal kreiselte er im Weltall umher. Ein wehrloser, zappelnder Käfer. Oder mit seinen eigenen Worten:
Mit augenblicklicher Klarheit wurde ich von Panik ergriffen. Ich war verloren. Vor mir sah ich, wie sich der dunkle Achterspiegel des Schiffes erhob. Unbeirrbar trieb es in die Nacht hinein. Ich war ein Matrose, der über Bord gespült worden war und nun sah, wie sein Fahrzeug verschwand. Das letzte Sonnenpanel glitt nur einen Meter von mir entfernt vorbei, die letzte holprige Rettungsboje. Ich streckte mich, schwamm fieberhaft in dem leeren Raum. Doch ich erreichte es nicht. In wenigen Minuten würde ich tot sein. Ich hoffte nur, dass es schnell gehen würde. Ich beschloss, einen Todeskampf zu vermeiden. Wenn der Sauerstoff zu Ende gehen würde, bevor die Schmerzen mich durch die Krämpfe hilflos machen würden, wollte ich den Kragen aufschrauben, mir den Helm abreißen und das Vakuum mein Gehirn zerplatzen lassen. Vielleicht würde mein Schiff in ferner Zukunft gefunden werden. Aufgegeben, ohne jede Spur von Besatzung. Und ich selbst würde verschwinden, verschluckt wie das kleinste aller Staubkörner zwischen den Sternen.
Diese Gedanken durchströmten mich und erfüllten mich mit Verzweiflung. Ich dachte an meine dahingeschiedenen Eltern, die daheim auf der Karelischen Halbinsel im Lehmboden begraben lagen. Ich dachte an meinen schweigsamen, mageren Sohn, den ich vernachlässigt hatte, und sah ein, dass wir nie wieder die Loipe um den See herum laufen könnten. Ich dachte an frisch gefangene Lachsfilets, in Ei und Roggenmehl gewendet, in heißer Butter in der Bratpfanne mit frischem Dill gebraten, dieser göttliche Dillgeschmack.
Und da entschied ich mich für das Leben. Meine Augen tränten. Wenn ich doch ein Tau hätte. Eine Schnur, den dünnsten Faden, den ich zum Schiff hin schleudern könnte, eine Öse, die sich an einem Vorsprung festhaken könnte ... Mit letzter Kraft durchsuchte ich die Taschen meines Raumanzugs. In der Außentasche an der Wade fühlte ich etwas Hartes. Ich zog das Teil im Schein meiner Helmlampe hervor. Es war eine Bierflasche. Eine grünglänzende, noch verschlossene Flasche. Ich hatte sie in der Tasche vergessen, hatte sie vor dem Abflug von einer rothaarigen Kellnerin mit weichen, schweren Hängebrüsten im Raumfahrtterminal bekommen. Wir hatten uns in der Nacht geliebt, sie hatte ihre kräftigen Schenkel um meinen Rücken geschlungen, mich auf der Erde festgehalten. Ich hatte gekämpft, mich nach hinten gekämpft und gespürt, wie der Orgasmus kam, als sie ihre Beinschere öffnete. Das Gewicht verschwand von meinem Rücken, diese plötzliche Leichtigkeit. Ich hatte schwerelos mit pochendem Geschlecht geschwebt, im All geschwebt.
Später hatte sie mir dieses Bier gegeben. Ich hatte es aufbewahrt, ihren schweren, roten Haarschopf gehoben und ihren heißen, feuchten Nacken geküsst. Und nicht einmal zwei Stunden später war ich aufgebrochen.
Jetzt sehe ich das Schiff in die Nacht davongleiten. Mit einem harten Stoß gegen den Metallgürtel schlage ich den Kronkorken ab und sehe ihn wie eine Münze davontrubeln. Schnell lege ich meinen Daumen im Handschuh auf das schäumende Loch. Dann schüttle ich die Flasche. Richte die Öffnung nach hinten. Und dann lasse ich einen konzentrierten, zischenden Bierstrahl unter dem Daumen hervorschießen. Der Druck ist stark. Mein Körper schwankt. Ich schüttle die Flasche und lasse es wieder zischen, ziele mit dem Strahl. Und fange langsam an zu gleiten. Stück für Stück bekomme ich in der Schwerelosigkeit Fahrt. Eine Rakete. Ich habe mich in eine Weltraumrakete verwandelt...
Und mit Hilfe seines Bierstrahls gleitet Ruben Stanislawski zurück zum Raumschiff, kehrt zurück von den Toten. Es gelingt ihm, den Riss provisorisch zu kitten, und anschließend liegt er lange Zeit auf dem Boden der Luftschleuse am ganzen Körper zitternd während der Schock langsam nachlässt. Ein paar Monate später, als er eine Patience legt, hängt sich der Spielcomputer auf. Als er versucht, ihn neu zu starten, bleibt der Bildschirm schwarz. Ruben gelingt es nicht, das Gerät zu reparieren, den Rest der Reise muss er sich ohne Zerstreuung behelfen.
Anfangs misst er diesem Problem keine größere Bedeutung zu. Der Spielcomputer ist nur ein Spielzeug, etwas, was er mitgenommen hat, um sich die Zeit zu vertreiben. Der Hauptcomputer des Schiffes ist intakt, und alle wichtigen Systeme funktionieren, wie sie sollen.
Doch auf der großen Harddisk des Spielcomputer befindet sich die Zerstreuung. Das andere. Die Unterhaltung. Jede Menge Datenschrott, den er vor der Abreise zusammengesammelt hat. Mengen mehr oder weniger alberner Computerspiele. Schach natürlich. Eine halbe Novellensammlung, an der er hatte weiter schreiben wollen. Tagebücher. Sein altes, eingescanntes Fotoalbum. Erotische Bilder. Alte Briefe von Schulkameraden und Freundinnen, Zeichnungen, die sein Sohn gemalt hat. Dort befindet sich der gesamte Musikvorrat des Schiffes, alles von Madrigalen über die Beatles bis JP Nyströms und Bear Quartet. Zirka viertausend russische, polnische und jüdische Romane. Fast fünftausend Karatefilme, Splatterrollen, Italowestern, der Weltraum greift an, dänische Comedypornos und Monty Python. Das gigantische Nachschlagewerk Homo Encyclopaedia mit interaktiven Bildern der kenianischen Savannen, des Lebens auf dem Boden skandinavischer Gebirgsseen, Londons komplettem Metrobahnnetz, der Fötusentwicklung bei Delfinen, der Entwicklung der Trockenbatterie, des SARS-Virus', roter Riesen und der Anatomie der Stechmücke im Querschnitt.
Und jetzt war alles weg. Es war, als wäre sein gesamter Heimatplanet ausgelöscht. Die Erde war vernichtet. Alle Menschen, die ihm begegnet waren, alle menschlichen Gedanken, die gedacht und geschrieben worden waren, dieser gesamte schöne Himmelskörper mit seinen Inlandseisflächen, den Weltkriegen, den Schönheitswettbewerben und den asiatischen Gewürzen. All seine Computerspiele, von Mahjong über Backgammon bis zum Arkadenspiel und den Tetrisvarianten, all diese kleinen Zeitvertreibe und Ablenkungen, auf die Menschen kommen können. Sicher, man könnte auch ohne sie leben. Oder macht man sich da war vor?
Ruben beschreibt, wie er stückweise dem Menschlichen entgleitet. Zuerst kommt der Mangel. Die Leere. Anschließend die Frustration. Wutausbrüche. Die sich steigernde Depression. Die Einsamkeit.
"Die Abnutzung des Auges", so schreibt er, "jeden Tag den gleichen Drehstuhl zu sehen, den gleichen Essnapf und die gleiche Kleidung, das gleiche starrende Spiegelgesicht."
Eines Tages scheint die Netzhaut durchgescheuert zu sein. Er wird ein intensives Orange im Augenwinkel gewahr. Dann hört er die Stimme einer alten Frau. Sie überschüttet ihn mit Schuldzuweisungen. Sie will ihn stürzen. Bald ist auch eine Männerstimme in der Kabine zu hören. Beide Stimmen beginnen miteinander zu schimpfen. Stundenlang geht das so, endlose Schimpftiraden und Vorwürfe. Die Farbe Türkis wird sichtbar, wie Tundraeis. Runde Schweißflecken treten an den Wänden hervor. Zuerst glaubt er, es handle sich um Bakterien. Dann sieht er, dass es Texte sind. Über Stunden studiert er sie und versucht die Botschaft zu deuten. Es geht um sein Leben. Darum, was er alles falsch gemacht hat, um alles, das sich nicht mehr ändern lässt. Zwischen den Panikattacken hat er vollkommen abgeklärte, stabile Perioden.
"Ich gehe zum Teufel", denkt er. "Nicht mehr lange, dann blute ich aus den Handflächen."
Das folgende Kapitel hat dem Buch seinen Titel gegeben.
Es gehört zu dem Stärksten, was ich über den geistigen Kampf eines Menschen gelesen habe, mit herausgekotzten Bekenntnissen, Strafpredigten, idiotischer Sexualangst und schrecklichen Teufelsszenen samt vernichtender Lichtfoltern, ganz zu schweigen von dem letzten Flüstern Christi, dem absolut letzten, das einzig und allein Ruben am Fuße des Kreuzes wahrnahm und das die gesamte Christenheit verändern sollte, diese letzten drei Worte, die da lauten ...
Nein, warum soll ich dein Leseerlebnis zerstören? Ruben Stanislawskis Buch ist märchenhaft, grausam, selbstzerstörerisch, es knistert wie eine Scheibengalaxis. Es geschieht selten, dass ein Buch ein Leben verändert, doch zumindest ich wurde von ihm in meinen Grundfesten erschüttert. Es hat katholische Wirkung, es zu lesen. Oder, wie die New York Times schreibt: Eine Finsternis, die die Seele poliert.
Eines Tages, mitten in einer schuldbeladenen Diskussion mit einer Schar sturer, widerspenstiger Plastiklöffel, entdeckt er plötzlich einen schwarzen Punkt an der Decke. Er bewegt sich. Die Bewegung ist irgendwie altmodisch, animalisch, um nicht zu sagen: irdisch. Die Plastiklöffel verstummen widerstrebend. Rüben klettert auf das Navigationspult und findet heraus, dass es sich um eine kleine Spinne handelt. Vorsichtig fängt er sie in einem Becher ein. Sie krabbelt darin herum, versucht einen Ausweg zu finden. Immer wieder schaut er sie an, unsicher, ob es nicht vielleicht eine Sinnestäuschung ist. Aber sie verschwindet nicht. Die ganze Situation ist so unglaublich. Schließlich ist es Jahre her, seit er die Erde verlassen hat, und die ganze Zeit muss dieser Passagier irgendwo gewesen sein. Er muss in einer Spalte im Koma, im Winterschlaf gelegen haben. Ein schlafender Verwandter.
Er tauft die Spinne Fjodor. Nach seinem Lieblingsschriftsteller Dostojewski, der ebenfalls viele Male durch seine Epilepsie im Koma gelegen hat. Ach, diese Romane, die sich auf der Festplatte seines Spielcomputers befunden haben: Schuld und Sühne, Aufzeichnungen aus einem Kellerloch, Die Brüder Karamasow. Die Bücher gab es immer noch irgendwo dort drinnen, die Texte waren in elektrochemischen Strukturen in Siliziumkreisen gelagert. Jedes einzelne Wort, jedes Kapitel lag dort wie ein kleines, raffiniertes Spinnennetz in seine Fadenrollen eingewickelt. Und doch unerreichbar. Tiefgefroren.
Fjodor. Ein kleiner, wandernder Punkt. Diesem schwarzen Insekt gelingt es schließlich, die Psychose zu knacken. Fjodor scheint weder etwas zu essen noch zu trinken, was immer man ihm auch anbietet, trotzdem überlebt er Monat für Monat. Ruben beginnt lange Gespräche mit ihm zu führen. Aufmunternde Betrachtungen anzustellen. Über den Morgentau im hohen Gras. Silbernetze unter dem Gewicht von Wassertropfen. Sie sitzen beieinander und sehnen sich nach Hause. Und als Fjodor Zeichen der Schwäche zeigt, beginnt Ruben Worte des Trostes zu sprechen. Über Freundschaft, darüber, es zu wagen, sich jemandem anzuvertrauen. In den Armen eines Bruders zu ruhen.
Eines frühen Morgens entdeckt Ruben, dass Fjodor verstorben ist. Er hat sich an den Rand des Plastikbechers gelegt, seine dünnen Spinnenbeine unter sich zusammengezogen und aufgehört zu atmen. Am Todesbett seines Freundes verspricht Ruben, beide zur Erde zurückzubringen. Sie werden zurückkehren, koste es, was es wolle. Fjodor soll nach Hause kommen.
Ruben Stanislawski wird also einer der wenigen, denen es unter extremen Entbehrungen gelingt, zurückzukehren. Die meisten Abenteurer verschwinden dort draußen. Das Schicksal ist von Anfang an gegen sie. Wie hermetisch geschlossen ein Schiff auch ist, wie effektiv alle Wiedergewinnungsprozesse auch arbeiten, so gibt es doch immer irgendwo ein kleines Leck, einen wenn auch geringen Schwund. Im Laufe der Jahre gehen die Sonnensegel kaputt, das Gewächshaus funktioniert immer schlechter, die Essensproduktion wird geringer, und die Effektivität der Brennstoffzellen nimmt ab. Als Rubens herumirrendes Geisterschiff von einer der Raumstationen eingefangen wird, sind Luftdruck und Sauerstoffgehalt in seinem Inneren vergleichbar mit den Zuständen auf dem Mount Everest. Er selbst ist mager wie eine Leiche, grau von eingefressenem Schmutz. Die Haut ist blaulila von den vielen geplatzten Adern, und der Gestank so unerträglich, dass die Krankenschwestern Gasmasken aufsetzen müssen. Aber seine Hand umklammert immer noch den Becher mit Fjodors zusammengerollter Leiche.
Ruben wurde auf einer Bahre festgeschnallt zur Raumstation gebracht. Der Sauerstoffgehalt wurde erhöht, der Druck plötzlich wieder normal. Die Lungen füllten sich, er hustete, das Pflegepersonal sah, wie seine Haut eine frischere Farbe annahm. Und im gleichen Moment erwachte auch Fjodor. Er wurde wieder lebendig, streckte seine langen Beine und krabbelte aus dem Becher. Anschließend verschwand er spurlos. Rubens Retter und Freund wurde nie wiedergefunden, niemand weiß, wie Fjodor schließlich endete. Vielleicht kletterte er in ein anderes Schiff im Hangar und wurde in den Weltraum in irgendein anderes Sonnensystem geschossen. Vielleicht legte er sich in irgendeinem in-tragalaktischen Gefrierlabor zur Ruhe, um in sechstausend Jahren in einem vollkommen anderen Teil des Universums aufgetaut zu werden. Wir werden es niemals erfahren.
Weil das Weltall so unwirtlich ist, muss man, wie bereits früher angemerkt, alles mit sich nehmen, was zum Überleben notwendig ist. Luft. Wasser. Nahrung und Wärme. Wenn nur eine dieser Nabelschnüre reißt, ist man des Todes. Vor der Abfahrt berechnen die Raumfahrer deshalb äußerst genau, wie lange ein Schiff ohne neue Ladung am Leben erhalten werden kann. Die Schlechtesten schaffen es nur ein paar Monate lang. Die meisten liegen irgendwo so zwischen vier und neun Jahren. Davon ausgehend kann man seinen Ponor ausrechnen. Ponor, das ist ein Wort, das jedem Weltallromantiker einen Schauer über den Rücken laufen lässt, das reinste Mantra für alle Pissetrinker.
Ponor ist eine Abkürzung für das englische Point of No Return. Dieser Punkt ist entscheidend, der definitive Abschied von der Erde. Nimm einmal an, dass deine Schrottkiste unter optimalen Bedingungen dich laut Berechnung acht Jahre lang am Leben erhalten kann. Dann passierst du den Ponor vier Jahre nach Abflug. In diesem Augenblick hast du deine absolut allerletzte Chance, mit heiler Haut zurückzukommen, vier Jahre hin und vier Jahre wieder zurück, so einfach ist die Mathematik. Ponor. Der Punkt, bei dem jeder Abenteurer eine Gänsehaut kriegt.
"Wenn man sich seinem Ponor nähert, dann spürt man, wie einem die Haare an den Armen zu Berge steigen und wie das Herz in der Brust hämmert, es ist, wie sich einem Abgrund zu nähern, die letzten Warnschilder vorbeisausen zu sehen, es ist die Messerklinge, die die Lebensadern durchtrennt. Einen Moment lang balancierst du auf des Messers Schneide, mit dem Rücken zu Tellus und dem Gesicht dem Kosmos zugewandt, und du weißt, dass ein Traum sterben wird, ganz gleich, wofür du dich auch entscheiden wirst..."
Das Zitat stammt von jemand anderem, der zurückgekehrt ist, von dem weiblichen ehemaligen Kampfpiloten Jekaterina Münster. Sie war in dieser Lage. Sie hat es nie vergessen. Sie entschied sich dafür, zurückzukehren, und für den Rest ihres Lebens war sie unsicher, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hat.
Diejenigen, die den Ponor passieren, verlassen die Menschheit. Sie verschwinden für immer und ewig. Der Mut, den sie aufbieten, ist beinahe unfassbar. Vielleicht kann man ihn auch Dummdreistigkeit nennen. Vielleicht ist es aber auch nur ein Kitzeln, ein Kribbeln in der Magengrube, das sie verspüren wollen, dieses schöne, prickelnde Todeserlebnis. Wenn man den Ponor passiert, gibt es kein Zurück mehr. Es ist nicht mehr möglich, die Erde zu erreichen. Man hat die Menschheit hinter sich gelassen. Die einzige Richtung, die noch bleibt, ist die nach vorn. Auf das Nichts zu. Auf das ganze gewaltige Universum zu.
Für die Ponoristen dreht sich das Dasein einzig und allein um eine Sache. Kometen zu finden. Denn auf Kometen gibt es Eis. Und Eis kann zu Wasser geschmolzen werden, diesem Luxus, dieser Flüssigkeit, die uns wieder zum Leben erweckt. Das Problem ist, dass Kometen so schwer zu entdecken sind. Draußen im Weltraum, weit entfernt von der nächsten Sonne, fehlt den Kometen nämlich der Schweif. Man sucht nach einem schwarzen Schneeball vor einem ebenso schwarzen Hintergrund, und das eigene Überleben hängt davon ab, ob die Suche Erfolg hat. Der Vorrat beginnt zu schrumpfen, der Kabinendruck sinkt. Die Wassertanks im Wiedergewinnungssystem sind fast leer. Jeder Schluck wird rationiert. Man bewegt sich so wenig wie möglich, um Energie zu sparen. Liegt nur da und döst. Die Zunge schwillt an, man meint zu ersticken. Der Speichel erscheint fest und klebrig. Man taucht einen Finger ins Wasserglas, betrachtet den kleinen Tropfen. Klar, glänzend. Er wird rund, schwillt an, wird schwer und bauchig. Fällt in den dunklen Schlund des Mundes, rollt zur Zungenwurzel. Stundenlang kann man so daliegen, Tropfen für Tropfen.
Dann plötzlich. Bipp! Bippedibipp! Man rutscht mühsam aus der Koje und betrachtet den Computerschirm. Tatsächlich, da draußen ist etwas! Vermutlich ein Asteroid, nur ein Stein. Nein, warte, oho! Der hat ein Spektrum! Verdammt noch mal, der hat ein Spektrum!
Dann heißt es, sich schnell wie der Blitz in den Raumanzug zu zwängen. Rauf mit dem Helm, und dann das Schiff manuell auf das Dingsbums zusteuern. Langsam und vorsichtig die Bremsraketen justieren... rums! Und dann klettert man mit dem Spaten bewaffnet raus und fängt an loszuhacken und in den Laderaum zu schaufeln. Eis und Schnee und gefrorenen Dreck, man schaufelt emsig, dass der Helm beschlägt. Man formt einen Schneeball und wirft ihn zum Abschied ins Weltall hinaus. Er schlingert grau im Scheinwerferlicht, ein schlingernder Fausthandschuh, aus Wolle gestrickt. Das Schiff hebt mühsam wieder ab, satt und schwer wie eine pollenfette Hummel, und in der nächsten Zeit arbeitet das Aggregat auf Höchstleistung. Das Eis wird zu Wasser geschmolzen. Tropf, tropf, herrliche Musik im Wassertank. Und das Wasser wird weiter zu Sauerstoff gespalten, pst, pst vom Regulator. Und die Atmosphäre verdichtet sich wieder, der Druck auf dem Brustkorb verschwindet, und die Kabine erscheint plötzlich wie ein taufrischer Sommermorgen, und man hat mindestens zwei, vielleicht sogar bis zu fünf Jahre Überlebenszeit zusätzlich gewonnen.
Auf diese Art und Weise, indem man draußen im schwarzen Meer des Alls von Eisscholle zu Eisscholle hüpft, kann man theoretisch betrachtet, so weit wie man will kommen. Wenn nur die Elektronik durchhält. Wenn man nur keinen Krebs und keinen Herzinfarkt bekommt. Letztendlich ist es die eigene Lebensdauer, die die Reichweite begrenzt. Je länger man lebt, umso weiter kann man kommen. Und je weiter man kommt, desto größer werden die Chancen, dass man das findet, was man sucht.
Der richtige große Kick für Ponoristen kam deshalb, als die Komagefrierboxen eingeführt wurden. Sie waren anfangs Schwindel erregend teuer, doch auch hier sanken die Preise mit der Zeit auf ein erträgliches Niveau auf dem Gebrauchtwarenmarkt. Und mit so einem Ding im Raumschiff vermied man eine ganze Menge an Problemen. Kurz nach dem Start klettert man in den Gefriertank und schläft ein, umhüllt von einem Stickstoffnebel. Den Wecker stellt man auf irgendeinen Zeitpunkt zwischen einem und maximal zehn Jahren. Und endlich braucht man sich keine Sorgen mehr wegen des Wassers oder des Sauerstoffs zu machen, wegen des Essens oder der unerträglichen Einsamkeit. Außerdem zieht der Prozess die menschliche Lebenszeit in die Länge. Mit einem Mal kann man unglaublich viel weiter hinaus ins Weltall gelangen und gleichzeitig die Trauer hinter sich lassen; und man vermeidet es bereits so schrecklich uralt zu sein, wenn man hoffentlich endlich sein Ziel erreicht.
Und jetzt nähern wir uns dem äußersten Traum. Der kühnsten und großartigsten Fantasie der Menschheit.
Es ist der Traum, eine Welt zu gründen.
Eines Tages, irgendwo dort draußen, wird man einen Himmelskörper erreichen. Am besten einen Planeten. Möglicherweise einen Mond, oder mangels besserer Alternativen auch nur einen Asteroiden. Aber das Beste wäre natürlich ein Planet. In sicherem Abstand von einer wärmenden Sonne, mit Atmosphäre und Wasser, vielleicht sogar mit Ozeanen.
Man manövriert vorsichtig seine Kapsel an den Strand einer geschützten Meeresbucht. Alles ist nur Fels, Öde, rötlicher Stoff wirbelt auf. Nirgends findet sich auch nur die geringste Spur von Leben. Man ist der Erste. Man benennt den Ort nach sich selbst. Vielleicht auch nach seiner Mutter. Endlich, nach all den klaustrophobischen Jahren, ist man angekommen.
Sofort beginnt man mit den praktischen Dingen. Gibt es Baumaterial hier? Kohlendioxid, Stickstoff, Aminosäuren? Woraus besteht der Felsgrund? Ist Salz im Meer? Bereits am ersten Nachmittag stapft man in seinem verschwitzten Raumanzug zum Meeresufer hinunter, beugt sich hinab und kippt einen ersten Teelöffel mit Algen ins Wasser. Einzellige Algen aus dem Gewächshaus des Raumschiffs. Außerdem Bakterien und Hefezellen. Kleine, wirbelnde Lebenskörner. Sie fallen in die Uferwellen und breiten sich aus. Werden über die gewaltigen Meeresbreiten gespült. Man bleibt mit einem feierlichen Gefühl am Strand stehen. Versucht das Unglaubliche zu begreifen. Man hat diesem Planeten das Leben geschenkt. Man hat die Schöpfung in Gang gesetzt.
Und es ist der erste Tag, und es wird Morgen und Abend. Und man sieht, dass es gut ist.
Irgendetwas schafft es immer. Irgendwelche zähen Flechten von den Uferklippen des Toten Meeres, ein bisschen Plankton von der Antarktis. Bereits ein paar Wochen später kann man eine leichte Trübung am Uferrand erkennen. Die Algen sind dabei, sich zu vermehren. Ein paar der zähesten Arten haben überlebt. Und schon nach ein paar Monaten haben sie sich bis in die benachbarten Buchten ausgebreitet. Grüne, glänzende Schleier, die das Sonnenlicht aufsaugen und Sauerstoff freipumpen. Gleichzeitig beginnen die ersten kleinen Pflanzen im Kompost neben dem Raumschiff zu sprießen. Man hat gewässert und Samen und Sporen gesät. Gras und Flechten. Moose und Pilze. Ein Teil stirbt, aber anderes überlebt und findet einen Halt, wenn man es nur vor den schlimmsten Sandstürmen schützt. Einiges beginnt zu blühen und Samen zu bilden. Und die Samen verbreiten sich, und ein paar davon finden ihre Wurzeln in der Umgebung. Das dauert seine Zeit, oh ja. Aber im Laufe der Jahre und mit Hilfe des bestäubenden Winds wird die Welt langsam immer grüner.
Und dort verbringt man den Rest seines Lebens. Mit der Zeit spürt man, wie die eigenen Kräfte unweigerlich schwinden, und eines Morgens fällt man um, ohne wieder aufstehen zu können. Man liegt mit steifen Gliedern dort, auf dem Rücken, auf einigen sprießenden Grasflecken ausgestreckt. Hoch oben wölbt sich der Himmel, und man entdeckt etwas Neues, eine erste, zarte Nuance von blau. Mit allerletzter Kraft zerrt man sich die Sauerstoffmaske vom Kopf und holt zum ersten Mal vorsichtig Luft. Sie ist ungemein dünn, riecht nach Eisen und Bimsstein. Aber man kann sie atmen. Es gibt Sauerstoff hier. Sauerstoff von den Algen in all den Ozeanen des Planeten, vom Gras und den Büschen, eine gewaltige Sauerstofffabrik, und man selbst ist derjenige, der sie vor langer Zeit in Gang gesetzt hat. Ein kurzes Menschenleben nähert sich seinem Ende, doch man hat eine Welt gegründet. Man hat nicht vergebens gelebt. In ein paar Millionen von Jahren werden die Algen und Bakterien es geschafft haben, sich zu einzelligen Tieren zu entwickeln. Und dann ist es nur noch eine Frage der Zeit. Fische. Dinosaurier. Säugetiere. Und das Äußerste von allem, der Funke, der die Welt erleuchtet. Intelligentes Leben.
Und ich war derjenige, der all das geschaffen hat, denkt man. Mir ist das alles zu verdanken.
Tausende von Jahren ziehen vorbei. Die menschlichen Überreste bleiben liegen, verwittern und bleichen aus, um schließlich ganz zu verschwinden. Das Raumschiff fällt in sich zusammen, verrostet und wird von hunderttausend Regen ins Meer hinausgespült. Bald ist jede Spur des Besuchers verwischt. Das Einzige, was es noch gibt, das ist das Leben an sich. Die Schöpfung. Das Wild, das in den Wäldern und auf den Savannen äst, der silberne Strom in der Meerestiefe, die zitternden Ausrufungszeichen der Insekten, ja all das springende, schwimmende und fliegende Fleisch, das den Planeten überzieht. Und mit diesem Bild im Kopf kann man von seinem Leben Abschied nehmen, vollkommen ruhig und versöhnt.
Andere Ponoristen haben noch gewaltigere Visionen. Wenn sie schließlich ihren Traumplaneten gefunden und dort den Lebensprozess initiiert haben würden, wollten sie eine ungemein kraftvolle Sendestation bauen. Die dann über den gewaltigen kosmischen Abstand hinweg ein Signal zurück zur Erde schickt.
"Der Grundstein ist gelegt", sollte die Botschaft lauten. "Ich habe den Prozess in Gang gebracht."
Und später sollten neue Schiffe folgen. Mit der ganzen Familie. Mit Baumaterial. Käfige mit Insekten und vielleicht mit Vögeln und kleinen Säugetieren. Damit die Schöpfung noch rasanter an Fahrt zunehmen könnte.
Einige weibliche Ponoristen ziehen es jedoch vor, auf eigene Faust zurechtzukommen. Tiefgefroren im Inneren des Schiffs verwahren sie männliches Sperma. Und wenn sie ihren Planeten gefunden haben, wollen sie sich selbst befruchten. Ein Kind nach dem anderen von verschiedenen Vätern gebären, weiße, schwarze, Asiaten, Aborigines. Alles, um die genetische Basis zu verbreitern. Und wenn die Kinder herangewachsen sind, so viele, wie sie zu gebären in der Lage sind, dann sollen die Töchter sich weiterhin inseminieren. Generation nach Generation von Kindern aus allen genetischen Ecken der Erde. Die Kinder der ersten Generation werden Halbgeschwister sein, die der zweiten Generation Viertelgeschwister, und so weiter. In Einzelfällen wird die Inzucht durchschlagen, aber es werden ausreichend viele gesund bleiben und heranwachsen, um das Geschlecht weiterzuführen. Das Menschengeschlecht. Man wird eine neue Menschheit bekommen, eine ganze neue Welt. Und alle werden aus dieser ersten Gebärmutter stammen. Wie Adam und Eva. Obwohl: ohne Adam. Ohne die männliche Erbsünde.
Auf den allerlängsten Weltraumtouren kann man ab und zu auf sie stoßen. Auf die Kolonisatoren. Die sich dort draußen im Kosmos niedergelassen haben, dort angefangen haben, zu bauen und etwas anzubauen. Mitten auf einem Wüstenplaneten mit Salzwasserseen kann man einen kleinen grünen Fleck sehen, der zu einer einladenden Oase anschwillt. Auf einem Mond mit dünner Atmosphäre und vulkanischem Kern sieht man Wohnhöhlen, die direkt in die rostfarbenen Klippen gehauen sind, es ist jeweils nur das Eingangsloch zu sehen, wie ein riesiger Schweizer Käse. Wir Roader bewundern diese Siedler, während wir sie gleichzeitig für komplett verrückt halten. Es kommt vor, dass wir ihnen eine Kapsel hinunterschicken. Eine Müllkapsel mit ein paar alten Solarzellen, abgenutzten, aber noch funktionierenden Bohrern und anderem Handwerkszeug, einem Knäuel Elektrokabeln und einem klappernden Generator, Entsalzungschemikalien, schmerzstillenden Tabletten, ein paar Gemüsesamen aus dem Gewächshaus und anderem, was eigentlich niemand vermisst. Plus natürlich ein paar Süßigkeiten, einer Tüte mit Schweizer Schokoladenpulver, gefriergetrockneten italienische Feigen, einem Schluck Whisky von den Hebriden in einer Ionentüte und ein brandneues Nachrichtenbulletin darüber, was sich im Augenblick auf der guten alten Mutter Erde abspielt. Dann schießen wir die Kapsel hinunter, an einer Rauchfackel befestigt. Weit unten kriecht eine weißhaarige alte Greisin aus ihrem Loch und sieht, wie die Tonne herabschwebt. Die qualmende Rauchfeder fällt durch den Luftraum und prallt in ihrer Nachbarschaft auf den Boden. Es ist das erste Mal, dass das geschieht, seit sie sich hier niedergelassen hat, vierzig lange Jahre ohne jeden menschlichen Kontakt. Jetzt eilt sie zur Landestelle und zerrt an der Kapselöffnung, obwohl sie von der Reibung immer noch brandheiß ist, und das Erste, was sie hört, ist die mündliche Nachricht von einem kleinen Mikrochip, unsere Hurra rufenden Besatzungsstimmen mit den wärmsten Wünschen für ihr Wohlergehen:
"Gute Arbeit! Halt durch. Wir hoffen, der Nougat schmeckt."
Sie hebt ein letztes Mal ihre mageren Vogelarme zu den Wolken hoch und sieht uns verschwinden. Früher oder später wird jemand kommen, das ist unvermeidlich. Jemand Neues, der weitermacht. Der ihre Arbeit weiterführen wird.
Textauszug aus
Mikael Niemi: Das Loch in der Schwarte
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