Rezension | "Mord im ruhigen Tornedal" von Karl Hafner

Mikael Niemi - Der Mann, der starb wie ein Lachs

Das Zimmer, in dem Martin Udde tot aufgefunden wurde, roch nach offenem Mund. Martin Udde wurde ermordet, aufgeschlitzt mit einem Fischspeer. Martin Udde war ein alter Mann. Wer sollte ihm Böses wollen? Man kennt sich doch in Pajala, einer kleinen Stadt im nördlichsten Teil Schwedens.

Der Ort des Geschehens in Mikael Niemis neuem Roman "Der Mann, der starb wie ein Lachs" ist der gleiche wie in seinem Erfolgsroman "Populärmusik aus Vittula". Die Geschichte spielt zum überwiegenden Teil im Tornedal. Doch statt eines amüsanten Buchs über die Jugend hat er diesmal einen waschechten Krimi geschrieben. Seine Sprache ist aber auch in diesem Genre voller Skurrilitäten.

Schnell fühlt man sich ein wenig an die Welt aus dem Film "Fargo" der Coen-Brüder erinnert: Weites Land am Ende der Welt, ein seltsamer Mikrokosmos, in dem irgendwie steife Menschen nur das machen, was sie schon immer gemacht haben, als gäbe es nichts anderes als ihre Wälder und Flüsse. 'So ist das halt bei uns im Tornedal', scheinen sie mit jedem Satz, jedem Schulterzucken sagen zu wollen, wenn sie von der Polizistin Therese zu möglichen Tathintergründen befragt werden. Therese hat man eigens aus Stockholm einfliegen lassen. Die Mordkommission der Hauptstadt übernimmt die Mordaufklärung in der Provinz.


Ignoranz

Anfangs schleppen sich die Ermittlungen so dahin. Wer kannte Martin Udde wirklich besser? Früher hat Udde als Grundschullehrer gearbeitet, sich dann aber im Alter von 29 Jahren schon zum Zollbeamten umschulen lassen. Nach seiner Pensionierung kaufte er sich das Haus in der Gemeinde Pajala, wo er bis zu seinem Tod wohnte. Die einzige noch lebende Verwandte ist seine jüngste Schwester, doch auch die will das letzte Mal vor über zehn Jahren mit ihrem Bruder in Kontakt gestanden haben.

Die Polizei müht sich, Spuren zu finden. Ein alter Arbeitskollege aus Zollzeiten wird aufgetrieben und lässt kein gutes Haar an seinem ehemaligen Kollegen. Ein paar Telefonhinweise tröpfeln ein. Eine Nachbarin will einen schwarzen Mercedes im Schritttempo durch die Straßen fahren gesehen haben, ein fünfzehnjähriger Junge findet es gut, dass Udde endlich tot ist. Der alte Mann habe ihn und seine Freunde immer gepiesackt. Er sei nicht ganz richtig im Kopf gewesen. Viel kommt anfangs nicht ans Tageslicht über diesen Udde.


Arroganz

In den Kriminalstatistiken taucht der Ort Pajala am Ende auf. Es gibt dort die wenigsten Anzeigen in ganz Schweden, obwohl es sehr wohl Gewalt gibt. Meist wenn die Bewohner des Ortes besoffen sind. Jeder scheint hier im einsamen Tornedal mit jedem irgendwie verwandt zu sein.

Nachdem Therese mit einem ihrer Kollegen ein Paar, das dafür bekannt ist, sich ständig zu prügeln, zuhause in deren Säuferelend besucht hat, beobachtet sie dort beim Verhör "eine langjährige Machtbalance, wie sie sich gerne zwischen Polizei und Knastbrüdern auf dem Lande entwickelt. Man kennt sich nach einer Weile. Man versucht, einen Stich zu landen und pariert. Nützt Blößen aus, ohne den anderen aber unnötig zu erniedrigen." Nach dem Gespräch gesteht der Kollege, der Säufer sei sein Bruder.

Therese hat anfangs Schwierigkeiten, sich zu akklimatisieren. Sie hält sich für eine Weltbürgerin und da stört sie diese provinzielle Verstocktheit der Menschen doch sehr. Es ist genau diese Arroganz der übrigen Schweden, die den Tornedalern so zu schaffen macht. Niemi benutzt seinen Hauptcharakter sehr geschickt, um Vorurteile und Realität aufeinanderprallen zu lassen und anhand des Mordfalls gesellschaftliche Konfliktlinien aufzuzeigen, mit denen die Tornedaler zu kämpfen haben.


Unverständnis

Schon bald muss Therese feststellen, dass sie diese Menschen einfach nicht versteht, dass sie - im wahrsten Sinn des Wortes - einfach nicht deren Sprache spricht. Sobald Vertrauen gefordert ist, emotionale Dinge zur Debatte stehen, schwenken die Menschen vom Schwedischen in ihre eigene Variante des Finnischen, ins Meänkieli oder Tornedalfinnisch. Therese empfindet diese Laute als Steinzeitsprache mit rülpsenden Diphtongen und hart rollendem R.

Doch den Menschen in Niemis Tornedal ist diese Sprache mehr als nur eine Sprache. Nach jahrzehntelangen Lehrverboten und zahlreichen Versuchen der schwedischen Regierung, die Tornedaler zu assimilieren, ist die Sprache für viele ein Symbol der Gleichberechtigung. Erst 1999 erkannte die schwedische Regierung das Meänkieli als Minderheitensprache an. Und so besteht der Verdächtige Esaias, in dessen Kofferraum eine blutige Axt gefunden wurde, im Verhör auf einen Dolmetscher, obwohl er perfekt Schwedisch spricht. Es ist sein Recht, er fordert es ein - natürlich auch, um diese arrogante Polizistin aus Stockholm zu ärgern.


Selbsterkenntnis

Für Therese wird der Aufenthalt in Tornedal eine Art Selbsterkenntnistrip. Ganz kann sie sich einer gewissen Zuneigung zu der rustikalen Art der Menschen dort nicht erwehren, obwohl sie findet, dass die Männer dort alle Visagen wie Kartoffeln haben, dass man ihnen sofort ansieht, dass sie Verlierer sind und sicherlich keine ledigen Frauen zum Heiraten finden außer ihren Cousinen. Doch vor allem Esaias hat es ihr irgendwie angetan mit seiner schroffen Art, seinem breiten Kreuz, den milden Augen und dem hübschen Hintern. Ihre letzten sexuellen Erfahrungen mit Männern in Stockholm waren schließlich auch nicht das Wahre, und besonders gefällt ihr, dass Esaias aus dem heimischen Lachs wunderbares Sushi zubereiten kann.

Allmählich begreift Therese durch Esaias auch, was das Tornedalfinnisch den Menschen bedeutet. Viele mussten in ihrer Kindheit schlimmste Demütigungen und körperliche Züchtigungen über sich ergehen lassen, wenn ihnen in der Schule in der Aufregung nur ein Wort Finnisch über die Lippen kam. Und ausgerechnet der Ermordete war einer der schlimmsten Gegner der Sprache. In zahlreichen Leserbriefen hatte er Hohn und Spott über diese Hinterwäldler ausgeschüttet. In seiner Zeit als Lehrer war er schlicht und einfach ein Sadist und bestrafte Sprachvergehen aufs Härteste.

Der Kreis der Verdächtigen wird immer größer. Gehasst haben den Toten fast alle, die mit ihm irgendwann zu tun hatten. Eventuell könnte der Grund für die Mordtat schon einige Jahrzehnte zurückliegen, etwa in der Jugend mittlerweile gealterter Menschen, die vielleicht gar nicht mehr im Tornedal leben. Bald stellt sich die Frage: Würde jemand für seine Sprache töten? Oder gibt es noch andere schwarze Punkte in der Vergangenheit des Martin Udde?


Somnambul

Niemi ist es in seinem Buch gelungen, eine spannende Kriminalgeschichte zu erzählen, die ihren Reiz aus all den lokalen Besonderheiten und deren Geschichte bezieht. Ein fremdes Land, das man doch irgendwie kennt, fremde Menschen, die man doch irgendwie mag. Wie Therese verstrickt man sich als Leser immer mehr in der Gesellschaft der Tornedaler und will nicht mehr nach Stockholm zurückfliegen, auch wenn dort oben im Norden ewige Dunkelheit im Winter und Schlaflosigkeit im Sommer drohen.

Manchmal hat die Geschichte tatsächlich etwas Somnambules - im besten Sinne. Ruhig und unaufgeregt fließt sie dahin, voller Melancholie und Wehmut. Schnell ist der Leser in Niemis Tornedal zuhause. Das schafft der Autor hier in seinem Kriminalroman genauso gut wie in seinem "Populärmusik aus Vittula". Es scheint am Autor und am Tornedal zu liegen ...

Karl Hafner
München, Februar 2008